Kersting: Die XXL-Versorgung gewinnt an Gewicht

Hans Karthäuser leitet das Reha-Team bei der Firma Kersting. Foto: Kersting – Das Sanitätshaus

(05/2022) Übergewichtige Personen leiden häufig nicht nur an ihrer körperlichen Konstitution und Leistungsfähigkeit, sondern auch an der Ausgrenzung im sozialen und gesellschaftlichen Alltag. Hilfsmittel aus dem Sanitätshaus können die Lebensqualität von Menschen mit Adipositas lindern. Mobilität, Stabilität und Flexibilität sind wichtige Stichworte. In dieser speziellen Versorgungsthematik zu Hause ist das Sanitätshaus Kersting, das rund um Trier und Luxemburg an zehn Standorten vertreten ist. Mit dem Leiter des Reha-Teams Hans Karthäuser hat sich die MTD-Redaktion unterhalten.

 

Herr Karthäuser, täuscht der allgemeine Eindruck oder gewinnt die Versorgung von adipösen Menschen im Sanitätshaus tatsächlich an Gewicht?

Das Thema wurde uns schon vor gefühlt 20 Jahren bewusst, als wir die ersten Kunden mit XXL-Rollatoren und Rollstühlen versorgten. Die Mobilität stand dort im Vordergrund trotz erhöhter Körpergewichte. Nach und nach wurden immer mehr Hilfsmittel im XXL-Format benötigt, wie Badehilfen, Umsetzhilfen und Pflegebetten. Zudem werden die Patienten immer jünger.

Heute werden primär adipöse Patientinnen und Patienten zwischen 120 und 170 kg Körpergewicht versorgt, je nach Körpertyp. Was darüber hinausgeht, ist in unserem Versorgungsspektrum noch seltener. Diese Kunden werden in der Regel dann zusammen mit den Produktspezialisten der Hersteller betreut.

Rein von den Produkten steht die physische Entlastung der Betroffenen im Vordergrund. Doch wie gehen Sie und Ihr Beraterteam zunächst auf die psychischen Befindlichkeiten der Betroffenen und ihrer Angehörigen ein?

Fachliche Schulungen sind im Bereich Adipositas bzw. XXL-Hilfsmittel Grundvoraussetzung. Sie werden von speziellen Herstellern, z. B. Dietz, angeboten und unterstützt. Die Thematik sollte beim Patienten respektvoll und offen angesprochen werden. Auch das weitere Vorgehen bzw. Festlegen der Versorgungsziele sollte gemeinsam geschehen. Ganz besonders wichtig ist das Miteinbeziehen der Familie bzw. der Betreuungsperson.

Die Zentrale befindet sich in Trier. Foto: Kersting – Das Sanitätshaus Breites Angebot an Mobilitätshilfsmitteln. Foto: Kersting – Das Sanitätshaus

Inwiefern kooperieren Sie rund um die psychische Betreuung und die Hilfsmittel-Versorgung auch mit den Fachgruppen Arzt, Therapeut und Pflege?

Die Zusammenarbeit mit diesen Fachgruppen ist ein wichtiger Baustein, um festzustellen, welches Hilfsmittel benötigt wird. Diese Fachbereiche kennen den Patienten in der Regel besser als wir. Das passende Hilfsmittel anzubieten bzw. zu versorgen, ist unsere Aufgabe und kann nur nach Absprache mit Therapeuten, Pflege und Arzt (Verordnung) erfolgen.

Besprochen werden Art und Umfang der benötigten Hilfsmittel (Indikation). Es ist immer eine Herausforderung, den Kunden dahingehend zu bestärken, dass er das neue Hilfsmittel motiviert einsetzt und akzeptiert.

Kommen wir auf die einzelnen Sektoren zu sprechen. Könnten Sie Ihr Vorgehen und typische Versorgungsaspekte erläutern bei: 1. Aufstehen und Umsetzen …

Adipositas-Patienten mit eingeschränkter Mobilität und hohem Eigengewicht benötigen Liftsysteme mit hoher Tragfähigkeit (200 – 300 kg). Auch die Liftergurte müssen dementsprechend ausgelegt und anpassbar sein. Zum Einsatz kommen beispielsweise: Goliath XXl Patientenlifter bis 250 kg (AKS), Handymove bis 300 kg, Badelifter Kanjo bis 170 kg (Dietz).

2. Mobilisierung – z. B. Rollatoren und Rollstühle.

Adipositas-Patienten, die sich nicht mit dem Standardrollstuhl oder Rollator fortbewegen können, werden entweder im Sonderbau oder mit einem XXL-Leichtgewichtsrollstuhl versorgt. Die Hilfsmittel werden individuell auf den Körpertyp angepasst (z. B. Frauen – Körpertyp Birne, Männer – Apfel). Wichtige Kriterien für die Produktauswahl sind: hohe Belastbarkeit, relativ niedriges Eigengewicht, spezielles Anti-Dekubitus-Kissen und die individuelle Anpassbarkeit.

3. Lagern – z. B. Pflegebetten, Matratzen, Anti-Dekubitus-Systeme.

Auch im Bereich Lagern ist die Druckentlastung und Positionierung ein Thema. Für die hohen Gewichtsansprüche an die Hilfsmittel werden Pflegebetten z. B. mit extra breiter Liegefläche und Lagerungsmöglichkeiten angeboten. Die AD-Systeme gewährleisten eine hohe Druckentlastung, da die Patienten trotz gewünschter Mobilisierung lange auf diesen Systemen liegen. Zum Einsatz kommen z. B.: Wechseldruck-System Samson (AKS) bis 300 kg, Pflegebetten XXL mit zwei Scheren, Matratze XXL HD 85, Würfelmatratze Kubivent Soft Plus 22 bis 350 kg, auch für Patienten mit besonderer Schmerzproblematik.

4. Hilfsmittel für Bad, Dusche, WC.

Diese Hilfsmittel müssen einen stabilen Rahmen und eine sehr breite Sitzfläche mit möglicher Hygieneaussparung sowie nach außen abgewinkelte Armlehnen haben. Voraussetzung ist natürlich, dass im häuslichen Umfeld genügend Platz vorhanden ist – beispielsweise für den XXL-Badelifter bis 170 kg (Dietz), den Duschtoiletten-Rollstuhl bis 325 kg DTS XXL oder den XXL-Duschstuhl bis 325 kg.

Aber auch bei anderen Alltagsprodukten sind höhere Umfänge wichtig – z. B. Blutdruck-Manschetten …

Auch in den Bereichen Diagnostik (Blutdruck, Gewicht) und Kompression nimmt die XXL-Versorgung stark zu. Zunehmend müssen Sonderanfertigungen oder Flachstrickversorgungen abgegeben werden.

Größere Ausführungen sind meist keine Serienprodukte und damit teurer. Wie läuft die Abwicklung bei der Kostenerstattung mit den Krankenkassen? Wären hier auch besondere Hilfsmittelverträge wichtig anstatt Einzelkostenvoranschläge mit längerem Genehmigungsprozedere?

Es gibt für Teilbereiche bereits Kassenverträge mit Festbeträgen oder Pauschalen für XXL-Versorgungen, z. B. Leichtmetall-Rollatoren, Arthritis-Rollatoren bis 200 kg oder Rollstühle bis 170 kg. In der Regel werden die XXL-Hilfsmittel im Sonderbau oder entsprechender Gewichtsbelastung und Indikation per Kostenvoranschlag angeboten. Grundvoraussetzung ist die entsprechende Lagerabfrage des Kassenlagers.

Stabilere und auf höheres Benutzergewicht ausgelegte Produkte sind nicht nur teurer, sondern müssten eigentlich auch schwerer sein. Das macht es den Anwendern bzw. ihren Angehörigen ja auch nicht gerade leicht in Sachen Handhabung.

Die Industrie bietet bereits Leichtgewicht-Hilfsmittel an, entweder aus Aluminium, Titan oder Carbon, soweit dies möglich ist. Wie bei den Rollstühlen muss aber die Stabilität und die individuelle Ausstattung im Vordergrund stehen, z. B. doppelte Kreuzschere, verstärkte Seitenteile und Fußstützen. Auch die Entwicklungs- und Herstellungskosten sind nicht zu vernachlässigen.

Haben Sie für die spezielle Patientengruppe einen eigenen Lieferantenpool und was erwarten Sie von den Herstellern hier als Service?

Wir arbeiten mit Herstellern zusammen, die uns mit Erprobungen und Sonderversorgungen unterstützen, da manche Anpassungen auch an unsere Grenzen stoßen. Wichtig sind Hersteller, die uns durch ihre Produktspezialisten mit ihren Möglichkeiten in diesem schwierigen Bereich mit Sonderlösungen unterstützen (z. B. Dietz, Meyra).

Wie läuft es mit der Beschaffung: Nutzen Sie Neukauf, Wiedereinsatz oder auch Leihsysteme, z. B. von spezialisierten Anbietern?

Wir versorgen primär XXL-Hilfsmittel, deren Hersteller bei Sanitätshaus Aktuell gelistet sind. Wiedereinsätze werden über die Lagerbestände der Krankenkassen abgefragt oder es handelt sich um eigene Pauschalen.

Bieten Sie der Kundengruppe der adipösen Patienten auch spezielle Veranstaltungen an?

Wir bieten den Patienten vor Ort eine Wohnumfeld-Beratung an, um dort auch unterstützend tätig sein zu können. Wichtig sind ebenso die häuslichen Umstände bzw. Versorgungsmöglichkeiten. Einige Patienten trauen sich auch keine längeren Beratungseinheiten im Sanitätshaus zu. Patienten und Angehörigen tun sich in der Regel schwer, Unterstützung anzunehmen oder frühzeitig Hilfe einzufordern.

Beliefern Sie auch Einrichtungen wie Pflegeheime oder Kliniken mit Produkten für adipöse Patienten? Wie unterscheidet sich dieser Markt vom häuslichen Bereich?

In der Regel wissen die Einrichtungen bzw. Kliniken, wie die Versorgungen aussehen sollen und welche Anforderungen an das Hilfsmittel und die Ausstattung gestellt werden. Leider wird von den Kliniken nicht immer das häusliche Umfeld beachtet – z. B. Türbreiten, Stockwerke, Treppen.

Herr Karthäuser, wir danken für das Gespräch.

 

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