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Bei Ergonomie und Alarmfunktionen hapert es

(MTD/1.2.2011) Wie sicher ist die Medizintechnik für den Patienten?“ Dieser Frage ging der VDE-Verband anlässlich der Medica auf den Grund. Betrüblich: Sowohl bei Geräteergonomie und Alarmfunktionen herrscht akuter Verbesserungsbedarf.

Erschreckende Zahlen

Prof. Dr. Uvo Hölscher (FH Münster, Leiter des Fachausschusses Ergonomie der Deutschen Gesellschaft für Biomedizinische Technik im VDE) verwies darauf, dass sichere Medizinprodukte in enger Korrelation zur Ergonomie und Gebrauchstauglichkeit stehen. Experten schätzten, dass in deutschen Krankenhäusern pro Jahr ca. 17.000 vermeidbare Anwendungsfehler mit Todesfolgen vorkommen, so Hölscher.
Ein Mittel zur Reduktion von Anwendungsfehlern ist die ergonomische Gestaltung. Medizinische Produkte sollten möglichst intuitiv und fehlerfrei zu bedienen sein. Dafür müssten die Geräte und Systeme optimal an den Anwender und sein Arbeitsumfeld angepasst werden.

Sichere Technik zahlt sich aus

Laut Hölscher sind zwei Drittel der unerwünschten Ereignisse auf Bedienfehlern und nur ein Drittel auf Produktfehler zurückzuführen. Ergonomie könne die Bedienfehler reduzieren und die Patientensicherheit erhöhen. An die Kliniken appellierte er, die Entscheidungsträger für die Beschaffung ergonomischer Technik zu sensibilisieren, den Umgang mit Risiken und unerwünschten Ereignissen zu verbessern und Medizinprodukte „risikoadjustiert“ zu beschaffen. Selbst wenn dies zunächst teurer sein sollte, auf Dauer seien damit auch Kosten einzusparen.
Den Herstellern rät er, ebenfalls die Entscheidungsträger zu sensibilisieren und die Ergonomie schon im Entwicklungsprozess sowie im Qualitätsmanagement zu verankern. Generell bedauert Hölscher, dass die Hersteller über zu wenig Ergonomie-Spezialisten verfügen.
Hölschers Fazit: Die Bedeutung der Ergonomie in punkto Beherrschbarkeit der Produkte steigt mit zunehmender Komplexität der medizintechnischen Geräte. Management und Personal nutzen die Ergonomie aber kaum zur Prävention und unterbrechen damit den Risikomanagement-Regelkreis. Generell notwendig ist eine nachhaltigere und verbesserte Sicherheits- und Fehlerkultur.

Alarmsignale: Reizüberflutung fatal

Defizite bei Alarmfunktionen von Geräten liegen Dr. Michael Imhoff (Boston Medtech Advisors Europe; Leiter des Fachausschusses „Methodik der Patientenüberwachung“ der Deutschen Gesellschaft für Biomedizinische Technik im VDE) am Herzen.
Falsche und vor allem irrelevante Alarmmeldungen von Geräten lassen nach seinen Erfahrungen Ärzte und Pflegekräfte abstumpfen. Folge: Alarmsignale in tatsächlichen Krisensituationen werden leicht übersehen. Laut Dr. Imhoff gibt es auf einer Intensivstation durchschnittlich mehr als 40 unterschiedliche Alarme. 90 Prozent der registrierten Alarme sind aber als irrelevant einzustufen.
Die dadurch provozierte Desensibilisierung führe dazu, dass es teilweise bis zu 40 Minuten dauere, bis auf einen Gerätealarm reagiert wird. Teilweise werden Alarme wegen der hohen Rate an Irrelevanz einfach ausgeschaltet, was bei einer echten Alarmsituation fatal ist. 

Einheitliche Alarmsignale nötig

Um die Situation zu verbessern, fordert Dr. Imhoff eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten, insbesondere auch zwischen Industrie und Anwendern. Es müssten Produktnormen zur Vereinheitlichung von Signalen gleicher Gerätegruppen verschiedener Hersteller entwickelt werden. Zudem lasse sich eine Senkung der Fehlalarmrate durch eine intelligente, sogenannte algorithmische Verknüpfung mehrerer Datenquellen erreichen.

 

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