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Preisdumping torpediert innovative Hilfsmittel

(MTD/21.9.2011) Ausschreibungen, Kampfpreise, Marktverdrängung – der GKV-Markt ist für die Industrie kein Zuckerschlecken. Erst recht nicht, wenn es um saugende Inkontinenzprodukte geht. Die Folgen: schwindende Innovationskraft und ein sinkendes Versorgungsniveau. Kein Horrorszenario, sondern nüchterne Analyse von Daniela Piossek, Leiterin Referat Krankenversicherung und Leiterin des Fachbereichs „Saugende Inkontinenzversorgung – Hersteller“ beim Bundesverbandes Medizintechnologie e.V./BVMed.

Frau Piossek, welchen Auftrag hat der Fachbereich, welche Ziele verfolgt er?

Im Fokus der Fachbereichsarbeit steht neben der Sicherstellung einer patientenorientierten Qualitätsversorgung die Aufklärung der Betroffenen und aller Beteiligten.

So hat sich der Fachbereich bereits bei der Erstellung und den darauf folgenden Fortschreibungen der Produktgruppe 15 im Hilfsmittelverzeichnis aktiv mit eingebracht, sich aktiv an der Festsetzung und Anpassung der Festbeträge für aufsaugende Inkontinenzhilfsmittel beteiligt sowie Qualitäts- und Versorgungsstandards erarbeitet.

Welche markt- und versorgungspolitischen Aspekte stehen für den Fachbereich aktuell im Vordergrund?

Das GKV-WSG hat dazu geführt, dass heute die Versorgung mit aufsaugenden Inkontinenzhilfen in Deutschland einer Vielzahl unterschiedlicher Regelungen unterliegt, was u. a. unsere Mitgliedsfirmen stark tangiert.

Da diese Regelungen von Kasse zu Kasse, von Region zu Region, gravierend voneinander abweichen und sich permanent verändern, ist es nur schwer möglich, standardisierte Versorgungsprozesse zu etablieren. Genau diese sind jedoch eine Grundvoraussetzung für eine qualitätsorientierte und effiziente Versorgung.

Ausschreibungen sind im Bereich saugende Inkontinenzprodukte nach wie vor ein Thema. Gleichzeitig plagt die Industrie dadurch ein permanenter Preis- und Marktverdrängungsdruck. Wie positioniert man sich dazu im Sommer 2011?

Viele große Krankenkassen haben Ausschreibungen genutzt, um vor allem das Preisniveau abzusenken. Im vierten Jahr nach der ersten großen Ausschreibung ist festzustellen, dass ein unteres Preisniveau erreicht wurde.

Jedoch bergen Ausschreibungen nach wie vor das Risiko in sich, dass aggressiv geboten wird und anschließend die Versorgung nicht darstellbar ist. Dies dann zu korrigieren, ist nur mit einem unverhältnismäßig hohen Aufwand zu bewältigen und zieht in vielen Fällen juristische Auseinandersetzungen nach sich.

Unseres Erachtens sind durch Verhandlungen herbeigeführte Rahmenvereinbarungen nach § 127 Abs. 2 SGB V die bessere Alternative.

Marktteilnehmer beklagen eine quasi erfolgte Halbierung der Preise bei Inko-Pauschalen innerhalb weniger Jahre. Was heißt das für die Industrie – mit Blick auf Produktqualität, Versorgungsstrukturen, Gewinn- und Margenkalkulation?

Wir erleben die gleiche Entwicklung wie in der stationären Pflege in den 90er-Jahren. Pauschalen führen zu einer Veränderung in der Versorgung. Offene Systeme (anatomische Vorlagen) verdrängen geschlossene Systeme (Windelhosen).

Darüber hinaus haben sich die Hersteller in ihrer Sortimentspolitik auf die veränderte Situation eingestellt. In der Regel gibt es einerseits Standardsortimente, die im Rahmen der krankenkassenfinanzierten Pauschale abgegeben werden, andererseits gibt es Premiumprodukte, die bei entsprechenden Aufzahlungen zur Verfügung stehen.

Innovationen im Bereich der Inkontinenz sind aufgrund der Preispolitik der Krankenkassen derzeit nur mit Aufzahlung zu bekommen. Die stetige Reduktion der Erstattung hat in Deutschland dazu geführt, dass die Versorgung hierzulande im Vergleich zu unseren Nachbarländern oftmals nicht mehr auf dem neuesten Stand ist.

Der Bereich saugende Inkontinenzversorgung ist einer der zentralen Ausgabenposten auf Kassenseite. Der Preisdruck von dieser Seite wird also eher weiterbestehen. Wie stellen sich die Hersteller darauf ein?

Den Druck der Kassen spüren wir auch bei unseren Gesprächen. Allerdings haben die Erlebnisse der Kassen in den letzten zwei Jahren im Zusammenhang mit den Ausschreibungen auf vielen Ebenen zu einem gewissen Umdenken geführt. Der Preis ist wichtig, aber Service, Dienstleistung und Abrechnungsqualität gewinnen zunehmend an Bedeutung.

Gibt es alternative Versorgungs- und Vergütungsmodelle, die die Industrie favorisiert und zur Diskussion stellt? Wenn ja, wie sehen diese aus?

Der BVMed und seine angeschlossenen Mitglieder favorisieren den Rahmenvertrag gemäß § 127 Abs. 2 SGB  V. Die damit verbundenen Vertragsverhandlungen zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern ermöglichen eine qualitäts- und serviceorientierte sowie wirtschaftliche Versorgung, die das Wahlrecht der Patienten nicht einschränkt.

Frau Piossek, danke für das Gespräch.

Das vollständige Interview erschien in der Septemberausgabe der Fachzeitschrift MTD

Copyright: MTD-Verlag 2011