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Sanitätshäuser schwanken zwischen Lust und Frust

(MTD/16.3.2012) Selbstbewusst, angriffslustig, aber auch selbstkritisch – so präsentierte sich die diesjährige Cheftagung der Sanitätshaus Aktuell AG Anfang März in Berlin. Zentrale Botschaft: Es gibt im Hilfsmittelbereich nach wie vor Handlungsbedarf: sowohl nach außen (Gesetzgeber) als auch nach innen (Leistungserbringer).

Sani Aktuell fühlt sich stark

 Karl-Heinz Usinger (Aufsichtsratsvorsitzender der Sanitätshaus Aktuell AG) verwies auf einen Rekordumsatz von 234 Mio. Euro für die AG. Auch die ersten beiden Monate 2012 seien hervorragend gelaufen.
Usinger sparte nicht mit Kritik: So habe man beispielsweise die BKK vor Ort gerichtlich zwingen müssen, Teilbeitritte zuzulassen. Zudem monierte er, dass
Preistreiber auch in den eigenen Reihen sitzen: beim BIV, bei den Innungen, bei den Leistungserbringergruppen und bei Nicht-Organisierten.

Politik sieht keinen akuten Handlungsbedarf

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Carola Reimann, Vorsitzende des Ausschusses für Gesundheit, sieht in punkto Vertragsbeziehungen zwischen Leistungserbringern im Hilfsmittelbereich und den Krankenkassen nach § 127 SGB V keinen akuten Handlungsbedarf. „Den Wettbewerb haben wir“, so Reimann. Allerdings mahnte sie in Richtung der Kassen an, künftig mehr Gewicht auf Qualität zu setzen.

Politiker-Schelte wegen Ausschreibungen

CDU-MdB Jens Spahn (Mitglied des Gesundheitsausschusses) sprach von innungsweiten Kartellen. Deshalb seien die Ausschreibungen eingeführt worden – mit Erfolg, schließlich seien die Preise gesunken. Dennoch sei die Korrektur, Ausschreibungen von einer Muss- in eine Kann-Bestimmung zu überführen, richtig gewesen.
Spahns Aussagen führten zu heftigen Protesten unter den Teilnehmern. Die Änderungen hätten zu Dumpingverträgen ohne Qualitätsverankerung geführt. Und bei der marktbeherr-schenden Stellung der Krankenkassen würde ein Ausschluss aus der Versorgung durch Ausschreibungen die Leistungserbringer in den Abgrund treiben.
Als Reaktion auf diesen Kritik-Hagel befürwortete er nicht nur die Einbeziehung der Kassen ins Kartellrecht, sondern stellte in Aussicht, dass sich der Gesundheitsausschuss mit der Problematik beschäftigen wird.

Interner Reformbedarf

BIV-Präsident Klaus-Jürgen Lotz sieht Reformbedarf innerhalb der Branche – auch beim BIV. Der BIV müsste aktiver kommunizieren, Versorgungskonzepte und Strukturentwicklungen anstoßen. Auch die Organisationsstrukturen gehörten reformiert (z. B. schlankere Innungsstrukturen).
Um besser gehört zu werden, sollten alle Interessensvertretungen der Sanitätshäuser unter Einbeziehung der Orthopädie-Schuhtechnik unter ein gemeinsames Dach treten.
Auch Lotz kritisierte die eigenen Reihen. Zu einem Vertragsschluss mit nicht akzeptierbaren Preisen gehörten immer zwei.

BVS will Schulterschluss

Walter Schuch (Vorsitzender des Bundesverbandes des Sanitätsfachhandels/BVS) lobte den Willen des Gesetzgebers zur Entbürokratisierung im GKV-Versorgungsstrukturgesetz. Ebenso findet der § 128 SGB V die Zustimmung des BVS.
Die Ausschreibungen würden aber zu Monopolen führen, die die Existenz vieler Betriebe gefährden.
Der BVS favorisiert ein Festzuschusssystem, das auf einzelkalkulatorischen Produkt- und Dienstleistungsbeschreibungen beruht. Zudem will der BVS den Schulterschluss mit dem BIV weiter vorantreiben. Die Verfolgung von Partikularinteressen sei kontraproduktiv.

Schmerzgrenze für Industrie erreicht

Jan Wolter (Leiter Fachverband Medizintechnik im Industrieverband Spectaris) lehnt in der aktuellen Diskussion hinsichtlich des Brustprothesen-Skandals Zulassungsverschärfungen ab. Dies würde auch die Industrie überfordern. Aus seiner Sicht besteht lediglich ein Überwachungsproblem.
Mit Blick auf die schlechten Vertragspreise für Hilfsmittel warnt er davor, diese auf die Industrie abzuwälzen, da sonst keine Innovationen mehr möglich sind. Auch müssten die Krankenkassen selbst Dumpingpreis-Angebote von Leistungserbringern ablehnen, wenn ersichtlich sei, dass eine gesetzeskonforme Versorgung nicht möglich ist.

Copyright MTD-Verlag 2012

Ausführliche Berichte zur Jahrestagung der Sanitätshaus Aktuell AG erscheinen in der April- und Maiausgabe der Fachzeitschrift MTD.