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MTDialog Juli 2015

63 SPECIAL MTD 7/2015 RESPIRATORY CARE Vor noch nicht allzu langer Zeit lag die durchschnittlicheJahrespauschalefürdie CPAP-Versorgungnochbeirund500Euro, inzwischen ist sie auf um die 200 Euro und evtl. sogar noch darunter gesunken. Auch betriebswirtschaftlichen Laien ist klar, dass mit solchen Preisen kein seriö- ses Unternehmen eine verantwortliche Versorgung leisten kann. Nur noch ein Minimum an Dienstleistungen „DieVersorgungsqualität hängt in vielen BereichenletztendlichauchmitderHöhe derVergütung zusammen“, beurteilt Joa- chim Glotz nüchtern die Situation,„weil sich darin die Dienstleistungsqualitäts- merkmale abbilden, die man im Rahmen dieser Vergütung erbringen kann. Das Preisniveau in den Ausschreibungen ist jedoch derart niedrig, dass dafür nur noch ein Minimum an Dienstleistungen oder Produktqualität möglich ist.“ Doch weshalb lassen sich Homecare- Provider ohne Not auf solche Harakiri- Preise ein? Glotz: „Manche Losgewinner sagen zum Beispiel: Ich definiere im Rahmen der Ausschreibung mein Ange- bot, und wenn ein Versicherter etwas darüber hinaus will, sei es gerätetechni- scher Art oder Zubehör, dann muss er draufzahlen.“ Oder ein Losgewinner bietet ein bestimmtes Produktportfolio an, das er durch verlorene Ausschrei- bungen auf Halde hat und jetzt wieder in den Markt bringen will. Diese Geräte sind abgeschrieben, da kann man kos- tenmäßig anders kalkulieren. Freilich bleibt dann der Ausschreibungsverlierer wiederum auf einem Sack zurückge- nommener Geräte sitzen, die er bei der nächsten Ausschreibung möglichst bil- lig loswerden will. Doch irgendwann lässt sich die Preisspirale nicht mehr weiter nach unten drehen. Rein ökonomisch muss der Ausschrei- bungsgewinner seine Kosten so niedrig wie möglich halten. Ein Kostenfaktor bleibt die Patientenbetreuung: Es kann richtig teuer werden, wenn ein Mitarbei- terzumPatientenfahrenmuss,weildieser mit seinem Gerät nicht klarkommt. Er- fahrungsgemäß melden sich jedoch nur wenige Patienten und bitten um Hilfe. Ob die ihr Gerät dann nutzen, kann dem Versorger gleichgültig sein. Er freut sich, wenn ihn die Patienten in Ruhe lassen. Dann geht die knappe Kalkulation am Ende doch auf. Da lässt man den Patien- ten auch mal drei Wochen aufs neue Gerät warten, weil man gar nicht so viele Geräte auf Lager hat. Oder man schickt es ihm per Post. Soll er sich die Betriebsanleitung zu Gemüte führen. Wenn ihm das nicht passt, kann er sich ja beschweren. Doch wer tut das schon? So kommt es zu Therapieabbrüchen. Ziel ist die Verlängerung „Jede Ausschreibung hat eine Verlänge- rungsoption“, weiß Joachim Glotz, „und Ziel eines jeden Ausschreibungsgewin- ners ist es in der Regel, diese Verlänge- rungsoption zu bekommen – weil das, was sich wirtschaftlich dabei erzielen lässt, dann über die ganze Laufzeit der Ausschreibung geht. Die Geschäftsmo- delle überregionaler, großer oder multi- nationaler Anbieter funktionieren an- ders.WenneingroßerKonzernsicheinen Markt erschließen will, dann ist er bereit und in der Lage, eine Zeitlang etwas höhere Beträge in diesen Markt zu stecken, um hinterher nachhaltig dort vertreten zu sein.“ Die Ausschreibung zum Billigtarif ist also eine Investition in die Zukunft. Nebenbei schafft man sich künftige Mitbewerber vom Hals. Solche Investitionen können jedoch nur poten- te Firmen schultern. Kleine Unterneh- men bleiben da auf der Strecke. Das nennt man Marktbereinigung. Den Kassen ihre Ausschreibungsstra- tegie zu vermiesen, wäre eigentlich ganz einfach – wenn kein Unternehmen sich auf diese Ausschreibungen einließe. Doch das ist eine Illusion. Solidarität der Anbieter untereinander gegenüber den ausschreibungsaffinen Kassen? Das wäre denkbar, wenn sich alle Leistungserbrin- ger den Ausschreibungen unisono ver- weigerten.Tun sie aber nicht. Irgendeine Firma wittert immer eine Chance und macht mit. Teure Einsparungen Und die Kassen freuen sich über jeden eingesparten Euro. Es fragt sich aller- dings, ob die verantwortlichen Hilfsmit- telreferenten der Kassen ihre Augen vor der Realität verschließen. So ist es kein Geheimnis, dass Patienten ihreTherapie gar nicht erst umsetzen oder zumindest vernachlässigen, wenn die Geräte und Masken nicht funktionieren und es keine wirkliche Betreuung gibt. Und unthera- pierte Schlafapnoe-Patienten sind mit großer Wahrscheinlichkeit Kandidaten für kardiovaskuläre Erkrankungen bis hin zum Herzinfarkt und Schlaganfall. Auch Typ-2-Diabetes und das metaboli- sche Syndrom stehen auf dem Pro- gramm infolge der nächtlichen Atemaus- setzer und der damit verbundenen Aus- schüttung von Stresshormonen, die den Blutzucker erhöhen. Mit einer adäquaten CPAP-Therapie ließen sich viele dieser gravierenden Fol- gekrankheiten verhindern. Und die kos- ten echt Geld. Unverständlich, dass dies bei den Kassen nicht gesehen wird. Weitsichtig agieren die Kassen ebenso wenig, wenn sie mit ihrer Ausschrei- bungswelle zahlreiche kleinere und mit- telständischeVersorgervomMarktfegen. In ein paar Jahren kann es für die Kassen durchaus ungemütlich werden, wenn sie nur noch wenigen großen Versorgern gegenüberstehen – die dann die Preise diktieren können. Joachim Glotz beur- teilt diesen Trend sehr nüchtern: „Der Markt wird dadurch irreversibel verän- dert, weil diejenigen, die heute ihre Marktanteile an Ausschreibungsgewin- ner verlieren, sich wahrscheinlich nicht mehr weiter am Markt etablieren wollen und werden; es wird wohl eine massive Veränderung der Anbieterstrukturen stattfinden. Inhaltlich sind natürlich zu- nächst einmal die Patienten negativ von der Ausschreibungspolitik betroffen, weil sie – je nach Ausgestaltung der Aus- schreibung – in aller Regel dann doch nicht mit dem Gerät versorgt werden, das sie bisher hatten.“ Auch der Markt trägt Schuld an dieser Entwicklung Nun ist die gesetzliche Krankenversiche- rung qua Sozialgesetzbuch verpflichtet, ihrenVersicherten die Leistung wirksam und wirtschaftlich zu erbringen. Diese Wirksamkeit ist natürlich gefährdet, wenn es zu Therapieunterbrechungen kommt, weil die Geräte nicht rechtzeitig geliefert werden, oder wenn der Patient die Behandlung womöglich gar abbricht, weil er mit dem neuen Gerät nicht zu- rechtkommt oder keine adäquate Ein- weisung erhält. Und die Sparwut der Kassen hat auch mit überlegtem Wirtschaften wenig zu tun. Dahinter steckt die Angst, dass die Versicherten teuren Kassen den Rücken kehren könnten. Um die Beiträge nicht erhöhen zu müssen, wird weiter an den Leistungsausgaben gespart. ›

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