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MTDialog Juli 2015

79 MEDIZINTECHNIK MTD 7/2015 MT-INFO und Sets die Einzelprodukte zunehmend verdrängen, so Gollings Prognose. Neben den Kosten sei ein weiterer Grund in der zunehmenden Produktkomplexität zu suchen. Golling sah aber ein Junktim zwischen Produkt- und Prozessstandardisierung unter Berücksichtigung der Handha- bungsqualität und des Nutzens eines Produkts. Nur Kosten einsparen zu wol- len, sei der falscheWeg. So könnten z. B. verbesserte Instrumente die OP-Zeiten verkürzen und so auch die stark anstei- genden Personalkosten abfedern. Auch Investitionen in innovative Geräte, wie z. B. sprachgesteuerte Kameras, könn- ten dazu beitragen, dass weniger Perso- nal nötig ist.„Nach den Sachkosten müs- sen wir uns dringend um die Personal- kosten kümmern“, forderte der Chef- arzt. Dabei sei es eben bei genauer Analyse durchaus sinnvoll, in Produkte zu investieren, die dazu ihrenTeil beitra- gen. Insgesamt ist für Golling die Pro- duktstandardisierung nur ein Baustein bei der Optimierung der klinischen Be- handlungspfade. Klinische Behandlungspfade trügen zur Standardisierung derVersorgung, zu einerProzessbeschleunigung,zuhöherer Patientensicherheit, geringerem Doku- mentationsaufwand, weniger Haftungs- fällen und zu Skaleneffekten bei.„Natür- lich gibt es auf diesemWeg auch Hinder- nisse, schließlich geht es auch um Besitz- stände der Beteiligten“, räumte Golling ein. In der Konsequenz fließen Prozessop- timierungen durch Standardisierungen undklinischeBehandlungspfadeaufeine Fließband-Medizin hinaus. Golling ver- anschaulichte dies am Beispiel Dr. Dille- mansausBrügge/Belgien,dervölligstan- dardisiert mit seinem Team Magenope- rationen bei Adipositas-Patienten in einer unglaublichen Geschwindigkeit und auch Sicherheit durchführt. Proble- matisch kann dies aber bei eventuell auf- tretendenKomplikationensein,wennalso der Prozessstandard unterbrochen wird. Solche Fließband-Operationssäle mit Chirurgen, die sich auf eine oder sehr wenige standardisierte Operationen be- schränken, wurden von den Zuhörern mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis genommen. Allen voran Barbara Detter, Leitende OP-Schwester am Klinikum Rechts der Isar, warnte vor einer solchen Entwicklung. Statt Fachspezialisten gebe es nur noch definierte Eingriffsspezialis- ten, die sonst wenig können. Im Ernstfall sei niemand mehr für andere, komplexe Fälle vorhanden. In letzter Konsequenz bedeute dies auch, dass das Medizinstu- dium nicht mehr nötig sei. Ein definier- ter Eingriff sei schließlich trainierbar. Erhöhung der medizinischen Qualität durch Integration Eine gelungene Neuorganisation ist für Prof. Dr. Hans-Peter Busch, Leiter Stab- stelle Medizin und früher Chefarzt des Zentrums für Radiologie, Neuroradiolo- gie, Sonografie und Nuklearmedizin am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier gGmbH, die Konzentration aller bildgebenden Verfahren in einem Ima- ging Center. Dadurch würden Synergie- effekte genutzt und unnötige Untersu- chungen vermieden. Und auch die Untersuchungsqualität habe dadurch in Trier erhöht werden können. Überhaupt müsse man sich im Ge- sundheitswesen einer Qualitätsoffensive stellen. Gut für mehr Qualität seien ab- teilungsübergreifende Behandlungspro- zesse anstelle der traditionellen Insellö- sungen mit entsprechender Schnittstel- lenproblematik. Wichtig sei aber, dass man die Qualität auch misst, wobei man beiderQualitätsmessungallerdingsauch an Grenzen stoße. Und in einem Punkt war sich Busch sicher:„Begrenzte Mittel ergeben auch begrenzte Qualität.“ Und weiter sei aber auch eine hohe medizini- sche Qualität ohne hohe Wirtschaftlich- keit nicht überlebensfähig – im Umkehr- schlusseinehoheWirtschaftlichkeitohne medizinische Qualität ebenso wenig. Wirtschaftlichkeit ist für Busch durch Prozessoptimierung im System der Fall- pauschalen erreichbar. Dazu müssten aber alte Gewohnheiten geopfert wer- den. Andere Anreizsysteme müssten in- stalliert werden.„Es geht darum, zu hin- terfragen, wie man nicht nur die Anzahl der gemachten Einzelleistungen, son- dern auch die Anzahl der vermiedenen unnötigen Leistungen belohnt“, brachte es Busch auf einen kurzen Nenner. Dabei geht es um eine Verschiebung von der direkten Leistungserbringung hin zu einemLeistungsmanagementimRahmen von Gesamtprozessen. So sei schließlich auch die DRG-Philosophie aufgebaut. Das beeinflusst auch die Material- kosten-Überlegungen. Die individuellen Materialverbräuche jedes Patienten müssten dokumentiert und analysiert werden.Wenn es Ausreißer gibt, müssten die Gründe erforscht werden, um Konse- quenzen ziehen zu können. Dies bein- halte z. B. auch Fragen zur Bildgebung. War eine CT-MRT-Untersuchung über- hauptnotwendig?Wurdesiekostengüns- tig erbracht? Auch die Patientenbelas- tung müsste in solche Überlegungen mit einfließen. Und an die eigene Zunft ge- wandt, schilderte Busch die Konsequenz: „Der Chefarzt muss sich wandeln. Er muss als Leiter einer Wirtschaftseinheit im Krankenhaus nicht nur medizinisch, sondern auch ökonomisch erfolgreich sein.“ HinsichtlichderBeschaffungvonMedi- zinprodukten will Busch weg vom Best- preis-Gedanken. Der äußerst preisgüns- tige Einkauf von Geräten, die nicht be- nötigt oder nicht wirtschaftlich betrie- ben werden, von Materialien, die nicht in der Art oder Anzahl gebraucht werden oder die von nicht ausreichender Qua- lität sind, könne kurzfristig vielleicht als Einkaufserfolg verstanden werden, ge- fährde aber auf Dauer die Existenz des Krankenhauses. Gefordert sei eine opti- mierte Geräte- und Materialwirtschaft mitganzheitlicherBetrachtungunterEin- beziehung der medizinischen Behand- lungsziele. „Neue Geräte in alten Prozes- sen und Strukturen zu betreiben, wird nicht erfolgreich sein“, meinte Busch. RS Prof. Markus Golling will mit innovativen Pro- dukten Personal- kosten sparen. Prof. Hans-Peter Busch: Nur billig gefährdet das Krankenhaus.

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