Konkurrenz und Technologiewandel verändern den MT-Markt

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(07/2020) Wegen des stark gestiegenen Wettbewerbs und Kostendrucks, der verschärften regulatorischen Anforderungen und der technologischen Herausforderungen, u. a. durch die Digitalisierung, ist die Medizintechnik-Branche in Deutschland und Euro­pa einem Veränderungsprozess ausgesetzt. Den Gefahren stehen aber auch Chancen gegenüber. Eine Chance, um sich zu behaupten, sieht die von Luther und Clairfield in Zusammenarbeit mit dem BVMed erstellte Marktstudie „Medizintechnik 2020“ in einer unternehmensübergreifenden Kooperation.
 
 
Die Studie beinhaltet eine Markt­übersicht. Danach generieren die zehn weltweit führenden Medizintechnik-Unternehmen einen Anteil von 37 Prozent am Gesamtumsatz der Branche. Der weltweite Markt wird 2020 ein Volumen von 484 Mrd. Dollar erreichen. 2025 sollen es 615 Mrd. Dollar sein. Für 2022 wird ein Umsatz u. a. für folgende Segmente prognostiziert:
  • Kardiologie 62,3 Mrd. Dollar
  • Bildgebende Diagnostik 48 Mrd. Dollar
  • Orthopädie 44 Mrd. Dollar
  • allgemeine und plastische Chirurgie 27,8 Mrd. Dollar
  • Endoskopie 25,7 Mrd. Dollar
  • Medikamentenverabreichung 24,6 Mrd. Dollar
  • Wundversorgung 16,9 Mrd. Dollar
  • Diabetes 16,2 Mrd. Dollar
Insbesondere die Robotik entwickelt sich in der Orthopädie und Chirurgie überproportional.

 

KMU dominieren die globalen Märkte

95 Prozent der Hersteller sind kleine und mittelständische Unternehmen. Ein Groß­teil hat weniger als 50 Mitarbeiter. Festzustellen ist, dass branchenfremde Unter­nehmen auf den Markt drängen. Technologieführer und Start-ups entwickeln zunehmend smarte Medizinprodukte. Wei­ter werden die Verbraucher und digitale Innovationen den Markt verändern.
Nach Regionen teilt sich der Weltmarkt für Medizintechnik folgendermaßen auf:
  • Nordamerika: Marktvolumen 174 Mrd. Euro, Anteil Weltmarkt 39 Prozent
  • Europa: Marktvolumen 120 Mrd. Euro, Anteil Weltmarkt 27 Prozent, davon Deutschland mit Marktvolumen 33 Mrd. Euro und Weltmarktanteil 7 Prozent
  • Asien: Marktvolumen 115 Mrd. Euro, Anteil Weltmarkt 26 Prozent
  • Brasilien: Marktvolumen 5,5 Mrd. Euro, Anteil Weltmarkt 1 Prozent
  • Russland: Marktvolumen 4,2 Mrd. Euro, Anteil Weltmarkt 1 Prozent
  • Rest der Welt: Marktvolumen 30 Mrd. Euro, Anteil Weltmarkt 7 Prozent
In Europa sind 27.000 Medizintechnik-Unternehmen mit 650.000 Mitarbeitern aktiv, davon die Hälfte in Deutschland mit 210.000 Mitarbeitern. Voraussichtlich schon 2020 wird Europa von Asien vom zweiten Platz hinsichtlich der Markt­größe verdrängt. Gründe sind die wachsende Mittelschicht und der steigende Altersdurchschnitt vor allem in China. Weiter gibt es in China, aber auch in Singapur massive staatliche Unterstützungen. China will an die Spitze der globalen Medizintechnik vorstoßen. Neben Asien weisen Lateinamerika und der mittlere Osten das größte Wachstums­potenzial für Medizinprodukte auf. Zweistellige Wachstumsraten haben neben Brasilien Mexiko und Malaysia. Nach wie vor ist aber Nord-Amerika mit den USA der größte Markt. Unter den 6.500 Unternehmen mit 520.000 Beschäftigten sind aber auch die sieben der zehn umsatzstärksten Medizintechnik-Unternehmen vertreten. 80 Prozent der US-Firmen sind aber kleinere Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern. Als ertragsstärkste Medizintechnik-Unternehmen in der Welt nennt die Studie die Firmen Medtronic, Johnson & Johnson, Abbott Laboratories, Siemens, Becton Dickinson, Philips, Stryker, Roche, Bos­ton Scientific und General Electric.
 

Allgemeine Wachstumsfaktoren

Die demografische Entwicklung befeuert den Markt. Das amerikanische Gesundheitsministerium meint, dass der Anteil der Bevölkerung mit einem Alter von über 60 Jahren in Industrieländern von derzeit 23 Prozent auf 32 Prozent ansteigen wird. Weltweit waren 2010 524 Mio. Menschen über 65 Jahre alt, Schätzungen zufolge werden es 2050 1,5 Milliarden sein. Weitere Faktoren sind das Kundenvertrauen in medizinische Produkte in den Emerging Markets und starke Investitionen in die Gesundheitsinfrastruktur in Asien. Auf diese Wachstumsmärkte sollten sich die deutschen Hersteller laut Studie konzentrieren. Genannt werden China, Indien, Brasilien und Russland. Westliche Produkte genießen dort hohes Vertrauen, doch die regionalen Anbieter werden aber rasch an Bedeutung gewinnen.
 

Technologische Wachstumsfaktoren

Auch technische Entwicklungen forcieren den Markt. Zu nennen sind künstliche Intelligenz und Big Data, z. B. bei Wearables und smarten Produkten, Kran­kenhaus-Informationssystemen sowie in der bildgebenden Diagnostik zur Erkennung von Lungenkrebs aus CT-Scans und zur Klassifizierung von Hautläsionen anhand von Bildern der Haut. Immer wichtiger wird die Sensorik. Aktive Implantate werten physikalische und biochemische Parameter aus. Beispiele sind hochminiaturisierte Hirndrucksensoren oder Sensoren zur Biomarker-Detektion für Entzündungsüberwachung. Weiter spielen Sensoren eine immer wichtigere Rolle bei der Mobile Health mit Apps und technischen Gadgets. Nach einer Prognose wird der globale M-Health-Gesamtmarkt von 72 Mio. Euro im Jahre 2020 auf 333 Mio. Euro im Jahre 2025 steigen.
Die patientenindividuelle Medizintechnik erlaubt zunehmend individualisierte, optimal abgestimmte Therapien. Insbesondere auch der 3-D-Druck erlaubt die Herstellung patientenindividueller Produkte wie Endoprothesen. E-Health ermöglicht Diagnosen und Therapien über Entfernungen hinweg. Dabei werden große Datenmengen, wie z. B. bei der kardiovaskulären Telemedizin, erhoben, übermittelt und ausgewertet. Ein wesentlicher Bestandteil von E-Health wird die elektronische Patientenakte sein. Durch die Verfügbarkeit der Informationen entstehen vernetzte Strukturen, wodurch auch Mehrfach-Untersuchungen vermieden werden können. Ein weiterer technischer Trend liegt in der Robotik und im vernetzten OP. Paradebeispiel ist das Da-Vinci-Xi-Operationssystem. Neben den Robotern wird die Vernetzung verschiedener operations­essenzieller technischer Geräte immer wichtiger. Die Hersteller in diesem Bereich entwickeln sich von Produktan­bietern hin zu Systemanbietern, die auf vernetzte Partnerschaften mit anderen Unternehmen angewiesen sind.
 

Konsequenzen

Angesichts dieser Herausforderungen geht die Studie von verstärkten Firmen­übernahmen zur Know-how-Beschaffung aus. Dabei werden Firmen branchen- und the­menübergreifend übernommen. Unter anderem neue Marktteilnehmer wie Google und Co. sind Treiber. Weitere Gründe sind der Zukauf von Ressourcen und Kapazitäten, der Eintritt in neue Märkte und zu neuen Kunden, die strategische Erweiterung der Produktpalette, aber auch die neue EU-Medizinprodukte-Verordnung (MDR) mit ihren Anforderungen. Unabhängig von den Übernahmen empfiehlt die Studie, zur Bewältigung der Anforderungen verstärkt mit­einander zu kooperieren und Allianzen zu bilden.
Die Studie ist abrufbar unter: www.bvmed.de/branchenstudien
 
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