Anzeige

(09/2020) Das Rollstuhl-Segment ist ein Schlüsselbereich im Hilfsmittelmarkt – für den Sanitätsfachhandel und die Industrie gleichermaßen. Insofern ist es wichtig, Trends im Rollstuhlmarkt rechtzeitig zu erkennen. Das Unternehmen Meyra hat sich dieser Aufgabe gestellt und zeigt in einer Kurzanalyse mögliche Entwicklungskurven auf: für Standard-, Aktiv- und Elektrorollstühle – den Privatmarkt mit eingeschlossen.

Standardrollstühle
Der Rollstuhl wird zum „normalen Er­scheinungsbild“ des Alltags. Der Wandel vom Kassen- zum Privatmarktprodukt ist vorgezeichnet. Es wird in Zukunft wohl auch weiterhin eine Standardversorgung an Rollstühlen über die Kostenträger erfolgen. Aber das Wort Standardversorgung beinhaltet schon, dass es sich hier nur um das Notwendige handelt. Das Erstattungsniveau der klassischen Standard-Alltagsversorgungen wird sich voraussichtlich so verändern, wie es jetzt schon bei Brillen, Hörgeräten und Zahnersatz zu erkennen ist. Individuelle Lösungen werden den Privatmarkt prägen. In Zukunft ist es wichtig, dass sich der Rollstuhl weiter zum Produkt des öffentlichen Lebens entwickelt, so wie der Rollator schon zum normalen Erscheinungsbild des Alltags gehört.

Aktivrollstühle
Neue Technologien halten Einzug im Aktivsegment. Suche nach den perfek­ten Materialien. 
Gerade manuelle Rollstühle können mit Fahrrädern verglichen werden, deswegen ist der Sprung von E-Bikes auf E-Rollstühle denkbar. Die digitale Welt schreitet weiter voran, also muss auch ein Rollstuhl (besonders ein manueller Rollstuhl) aus der digitalen Welt Nutzen ziehen. Zu nennen sind hier Features wie Lichtkonzepte oder Reifendruckkontrollsysteme für Rollstühle. Rollstühle werden seit Jahrzehnten auf die gleiche Art und Weise gefertigt und gebaut. Mit neuen Technologien aus dem Fahrrad- bzw. Automobilbereich können Innovationen auch im Rollstuhlsegment erzeugt werden. Materialien wie etwa Carbon werden stetig weiterentwickelt; durchaus besteht dort auch die Möglichkeit, „den perfekten Werkstoff“ für Rollstühle zu finden. 

Elektrorollstühle
Die Digitalisierung dominiert die Pro­duktentwicklung. Alexa, Tablet und Smartphone erleichtern den Alltag im Rollstuhl.
Die weitergehende Digitalisierung speziell im Bereich der Vernetzung des Rollstuhls hält Einzug mit diversen Geräten/Medien, wie z. B. digitale Sprachassistenten (Alexa), Smartphone, Tablet, etc. Dies hat das Potenzial, den Alltag der Nutzer zu vereinfachen und sicherer zu gestalten. Basierend auf Gewohnheiten könnten detaillierte Informationen ausgewertet werden, wie z. B. Kapazität der Batterien im Zusammenhang mit dem Fahrverhalten. Die Kombination aus Design (Formensprache) und Farbe liegt im Trend. Die Optik ist ein wesentlicher Aspekt bei der Entscheidung für ein bestimmtes Produkt aus Sicht des Endverbrauchers. Darüber hinaus spielt die Wahrnehmung des eigenen Wohlbefindens und der eigenen Gesundheit eine immer größer werdende Rolle bei der Entscheidung für ein Hilfsmittel. 

Privatmarkt
Komfort und Hygiene sind die Treiber im Selbstzahlermarkt. Einfaches Hand­ling und geringes Gewicht erleichtern die Anwendung. 
Durch den Wunsch, in Würde zu altern, werden die Rollstühle stärker auf die individuellen Bedürfnisse der Senioren entwickelt. In Zukunft werden Senioren bedarfsgerechte Rollstühle im zeitge­mä­ßen Design nachfragen, die einfach zu bedienen sind. Die Mobilität im Alltag sowie Selbstständigkeit stehen dabei im Vordergrund. Der Wunsch nach Unabhängigkeit auch im hohen Alter wird zunehmen und entsprechend werden bedarfsgerechte Produkte entwickelt. Ein weiterer wichtiger Punkt wird in Zukunft die Hygiene im Rollstuhl sein, z. B. spezielle Oberflächenbeschichtungen, die den Kampf gegen Keime und Viren aufnehmen. Einfaches Handling, ansprechendes Äußeres sowie spezielle Oberflächenbeschichtungen sind aus unserer Sicht die Erfolgskriterien bei der Produktentwicklung, die dem Privatmarkt Impulse geben. Außerdem wird das Gewicht eines Rollstuhls in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen. Werkstoffe wie Alu­minium und Carbon werden auch Einzug in die Elektrorollstuhl-Produktion finden, um Leichtbauweisen zu ermöglichen. Neue Fertigungsmöglichkeiten wie 3-D-gedruckte Bauteile werden verstärkt eingesetzt. Bei Elektrorollstühlen werden in Zukunft die Lithium-Technologie in Verbindung mit Carbon-Rahmen zu sehr geringen Gewichten führen.

 

Nachgehakt  
Im Gespräch mit Stefan Schäfer, Gesamtverantwortung DACH bei Meyra Stefan Schäfer

Ist der Standardrollstuhl, wie wir ihn im GKV-Markt kennen, ein Auslaufmodell?
Der Standardrollstuhl, so wie wir ihn kennen, wird uns für die Grundversorgung noch lange erhalten bleiben. Es lässt sich der Rollstuhl als solcher nicht neu erfinden. Aufgrund der Kostensituation und der Ausgestaltung der Kassenverträge sind Veränderungen an einem Standardrollstuhl allerdings nur sehr begrenzt möglich. Das hat dazu geführt, dass sämtliche am Markt befindlichen Standardrollstühle über nahezu identische Funktionen verfügen und für Außenstehende kaum zu unterscheiden sind. Die Hersteller richten den Fokus hier mehr auf kostengünstige Lösungen und optimier­te Logistik und weniger auf Innovationen. 

Wie wird der Standardrollstuhl der Zukunft aussehen? Für wen wird er „interessant“ sein?
Das Aussehen der künftigen Standard­rollstühle wird sich nicht gravierend von den heutigen Standardrollstühlen unterscheiden. Es wird jedoch immer mehr Assistenzsysteme geben, die dem Rollstuhlfahrer die Möglichkeit geben, in der gewohnten Umgebung ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben führen zu können. Nachlassende körperliche Fähigkeiten im Alter müssen somit nicht automatisch eine Pflegeeinrichtung bedeuten. 

Digitalisierung und technische Innovationen primär auf Materialseite stehen bei den Aussagen im Mittelpunkt. Was ist bereits machbar, was lässt sich am Markt überhaupt durchsetzen?
Rein technologisch ist nahezu alles machbar. Für die aktiven Rollstuhlfahrer gibt es heute schon eine Vielzahl an individuellen Lösungen, wie z. B. besonders leichte Rollstühle, unterschiedliche Zusatzantriebe oder unser neues Reifendrucksystem bzw. Lichtsystem. In Vergessenheit ist leider die ältere Generation geraten. Hat die ältere Generation wirklich andere Bedürfnisse als die jüngere Generation? Mobilität und Unabhängigkeit sollten immer im Vordergrund stehen, d. h., Aktivität geht vor Passivität. Autonomes Fahren und eine Ausweitung von sprachgesteuerten Assis­tenzsystemen können dafür sorgen, dass unsere Senioren künftig lange am normalen Leben teilhaben können.

Digitalisierung bietet viele Chancen – mit Blick auf Handling, Komfort, natürlich auch Wartung etc. Besteht aber nicht auch die Gefahr, dass ein beträchtlicher Teil der Nutzer überfordert sein könnte? Wie muss hier eine solide Gratwanderung aussehen?
Uns ist bewusst, dass sich zurzeit noch ein Großteil gerade der älteren Menschen mit der Digitalisierung sehr schwer tut. Gleichzeitig gibt es aber auch jetzt schon sehr viele ältere Menschen, die der Digitalisierung mit Freude und Neugier begegnen. Schon jetzt werden viele alltägliche Dinge über das Internet erledigt und der klassische Service wird immer weiter zu­rückgedrängt. Bei nachfolgenden Gene­rationen wird es kaum noch Berührungsängste geben, da die digitale Welt schon heute zum normalen Alltag gehört.

Der Privat-, Selbstzahlermarkt wird als interessantes Geschäftsfeld bei Rollstühlen identifiziert. Worauf fußt dieser Optimismus?
Bei der Kassenversorgung handelt es sich um eine Grundversorgung. Diese entspricht aber nicht immer den Ansprü­chen der Senioren. Ein ca. 100 kg schwerer Elektrorollstuhl ist von älteren Menschen schwer zu verladen. Hier tut man sich mit einem leicht faltbaren Elektrorollstuhl mit lediglich rund 20 kg Gewicht deutlich leichter. Die größten Herausforderungen bei Neuentwicklungen für diese Personengruppe sind in Zukunft Gewicht, Handling und Größe der Produkte.

Mit dem AMG-Programm zielt Meyra offensiv auf den Privatzahler-Markt ab. Fotos: MeyraWelche Herausforderungen sind damit für Hersteller und Reha-Fachhandel verbunden?
Die Herausforderungen für Hersteller und Fachhandel liegen im Bereich der gemeinsamen Entwicklung neuer bedarfsgerechter Produkte. Die praktische Erfahrung der Reha-Techniker vor Ort und das Wissen der Entwicklungsingenieure über neue Technologien muss zu einem gemeinsamen Vorgehen und da­mit zu einer zielgruppenorientierten Pro­duktentwicklung führen.

Herr Schäfer, danke für das Gespräch.

 

Artikel als Pdf herunterladen

Herunterladen