(MTD 3/2017) F&S-Analyse zu Krankenhausbetten

Immer weniger, immer effizienter

Die Wirtschaftskrise am Ende des letzten Jahrzehnts, der darauffolgende Druck auf das öffentliche Gesundheitssystem und die steigende Nachfrage nach neuen Dienstleistungen sorgen dafür, dass die Regierungen der Europäischen Union Wege suchen, um die steigenden Gesundheitskosten zu verringern, ohne dabei einen Qualitätsverlust in der Pflege hinnehmen zu müssen.

Bestehende Haushalts- und Finanzierungsbeschränkungen werden infrastrukturelle Herausforderungen in vielen Ländern in Europa jedoch noch intensivieren. Der OECD-Report „Gesundheit auf einen Blick“ (engl. Health at a Glance) von 2015 hat einen großen Unterschied in der Zahl der Krankenhausbetten je 1.000 Einwohner in den europäischen Ländern festgestellt. Gleichzeitig geht die Europäische Union davon aus, dass so­ar in den entwickelten westlichen Ländern der EU die Anzahl der Krankenhausbetten je 1.000 Einwohner in den Jahren von 2014 bis 2019 rückläufig sein wird. Und das, obwohl die Nachfrage vonseiten einer wachsenden alternden Bevölkerung steigt.

Die gute Seite

Im letzten Jahrzehnt konnte der Rückgang bei der Zahl der Krankenhausbetten in Europa genutzt werden, um die Dauer eines Krankenhausaufenthalts zu reduzieren und gleichzeitig mehr Patienten zu behandeln. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der ambulanten Eingriffe, die innerhalb eines Tages vollzogen werden konnten, ohne dafür die verfügbare Anzahl von Betten überschreiten zu müssen. In beiden Fällen hatte eine verbesserte Effizienz einen maßgeblichen Effekt auf die Qualität und Versorgung in der Pflege.

Die steigende Nachfrage nach einer Versorgung im Krankenhaus aufgrund einer wachsenden und alternden Bevölkerung scheint jedoch die Bestrebungen zur Verbesserung der Krankenhauseffizienz und -produktivität zu untergraben. Da die meisten Kliniken ihre Kapazitäten nahezu vollständig ausschöpfen, muss eine langfristige Lösung gefunden werden.

Die schlechte Seite

Der Rückgang an Krankenhausbetten hat den Druck auf das Gesundheitssystem erhöht und ist zu einem beeinflussenden Faktor hinsichtlich der Mortalität von Patienten geworden. Das beeindruckendste Beispiel stellt der National Health Service (NHS) in England dar.

Ein Untersuchungsbericht des führenden Gesundheitsstatistikers Professor Sir Brian Jarman ergab, dass die durchschnittliche Belegungsrate der Krankenhäuser in England auf über 89 Prozent angestiegen ist und den empfohlenen Durchschnitt von 85 Prozent seit 2002 nicht unterschritten hat.

Laut Daten von OECD und Weltbank ist die Anzahl der Krankenhausbetten je 1.000 Einwohner in Großbritannien in den letzten beiden Jahrzehnten von ca. 5,9 Betten im Jahr 1990 auf 4,1 Betten im Jahr 2000 und 2,7 Betten im Jahr 2014 gesunken. Obwohl die Kliniken mehr Patienten behandeln und die Einweisungen in Krankenhäuser sich in den letzten beiden Jahrzehnten fast verdoppelt haben, wächst aufgrund einer mangelnden Anzahl an Betten der Druck auf die Kliniken.

Sind die Krankenhäuser vollständig belegt, ist es weniger wahrscheinlich, dass bedürftige Patienten ein Bett auf der Intensivstation erhalten, auch wenn sie dies tatsächlich benötigen. Dementsprechend kann dies zu einer Unterbringung auf anderen Stationen beziehungsweise Betten führen, wodurch sich der Behandlungszeitraum des Patienten verlängert und es eventuell zu Infektionen kommen kann.

Aktuelle Trends

Krankenhäuser werden noch immer als das Epizentrum des Gesundheitswesens betrachtet. Signifikante Wachstumsraten und technologische Fortschritte sorgen nunmehr jedoch für einen Trend hin zur Pflege und Versorgung in der Gemeinde, zur häuslichen Pflege und zu ambulanten Diensten. Technologische Innovationen, die dereinst Hauptfaktoren dafür waren, dass Ärzte in die Krankenhäuser zogen, treiben Kliniken nun in Richtung ambulanter und häuslicher Pflegedienste.

Die Entwicklung hin zur Pflege außerhalb von Kliniken wird nunmehr noch verstärkt durch die steigende Zahl chronischer Krankheiten, wie etwa Adipositas oder Diabetes, für die bestimmte Verhaltensstrategien von größerer Relevanz sind als medizinische Behandlungsschritte. Diese Trends außerhalb des Krankenhauses werden sich durch die Sparmaßnahmen in ganz Europa voraussichtlich noch weiterentwickeln.

Die Zukunft

Gesundheitssysteme in Europa dürften die Notwendigkeit verspüren, neue Geschäfts- und klinische Betriebsmodelle einzuführen, um skalierbare, effiziente und qualitativ hochwertige Pflege zu bieten und Abfall, Redundanzen und Kosten zu verringern, die ihre Nachhaltigkeit in Gefahr bringen. Die Entwicklung von Technologien, wie beispielsweise klinische Informationstechnologien oder Analytik, werden zu einer klaren Vorstellung hinsichtlich der Bedürfnisse von Patienten und Patientengruppen und einer effizienten Pflegeversorgung führen.

Während es das vorrangige Ziel von Krankenhäusern ist, ihre Profitabilität durch Kostenreduktion und Effizienzsteigerung zu wahren, werden Konzepte nach dem Motto „Je größer, desto besser“, die auf die Verbesserung der Infrastruktur auf der Grundlage von Akquisitionen abzielen, sicherlich zu einer Konsolidierung des Krankenhausmarktes führen. Dadurch wird sich die Anzahl der Krankenhausbetten noch weiter verringern, da der Fokus mehr auf ambulante Dienste und häusliche Pflege gelegt werden wird.

Krankenhäuser und Regierungen sollten diesen Trend jedoch zurückhaltend verfolgen, da eine verringerte Anzahl von Krankenhausbetten sowohl Patienten als auch Gesundheitssysteme in Bezug auf Qualität und Sicherheit in der Pflege in Gefahr bringt. Zudem könnten sich dadurch die Wartezeiten erhöhen, wie man in England bereits beobachten kann. Diese hat sich dort für Patienten in den letzten fünf Jahren signifikant erhöht. Lange Wartezeiten im Gesundheitssystem sind ein wichtiges gesundheitspolitisches Thema in vielen europäischen Ländern.

Das nächste Jahrzehnt wird entscheidende Weichen stellen und bedeutende Herausforderungen für Pflegeanbieter hervorbringen, die sich zum Ziel gesetzt haben, in einer schwierigen Zeit mit sich verändernden Gesundheitssystemen nachhaltig arbeiten zu wollen.

von Brahadeesh Chandrasekaran (Transformational Health Analyst, Frost & Sullivan)

Frost & Sullivan ist der globale Partner für Unternehmen, wenn es um Wachstum, Innovation und Marktführung geht. Die Dienstleistungen Growth Partnership Services und Growth Consulting helfen dem Kunden, innovative Wachstumsstrategien zu entwickeln, eine auf Wachstum ausgerichtete Kultur zu etablieren und entsprechende Strategien umzusetzen. Schwerpunkte liegen auf: Visionary Health, Life Sciences, Advanced Medical Technologies, Connected Health. Weitere Informationen: jana.schoene­Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Dieser Artikel wurde in der Fachzeitschrift MTDialog 3/2017 (MTD-Verlag) veröffentlicht.
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